Diese Reise füllt einen weißen Flecken- Kommentare zum Tagebuch eines Aktiv-Urlaubs

Sa, 5.4.08: 6.48 Frühstück, Rucksack richten für den Flug um 9.35 nach Bulgarien, in ein unbekanntes Land. Bisher hatte ich zwei einzigartige bulgarische Jugendliche an unterschiedlichen Kreuzungen ihres Trampweges durch Frankreich getroffen: Ein in Deutschland Studierender, der mir Appetit gemacht hat auf die Landschaft und Freundlichkeit Bulgariens und ein anderer von der wirtschaftlichen Entwicklung in seiner Heimat enttäuschtem Bauernsohn, ein Hippie wie aus dem Bilderbuch. Welche Art von Menschen wird mich erwarten?
Am Ausgang des Flughafens in Sofia empfangen mich Lora und ihre Mutter mit Herzlichkeit und einem Strauß duftender Frühlingsblumen. Wir fahren im Auto durch ein überwiegend ockerfarbenes Sofia, vorbei an der Namensgeberin der Stadt, der römischen Kaisertochter Sophia (die Weise) mit einer Eule, und an den Statuen der Sponsoren der Universität, zur Wohnung von Loras Familie, und dann gleich weiter zu einem Wochendausflug zu drei historischen Stätten:
Zum Essen hielten wir bei einem offenen Grill am Straßenrand. 1. Lektion: Der Aussage „ich habe keinen Hunger“ wird kein Glauben geschenkt, solange der Essplatz leer ist. Aufgrund der Gewohnheit, einen Teller grundsätzlich aufzuessen, hatte ich mich erst nach drei Tagen umgestellt. Sich- Anschnallen- Wollen, auch auf dem Rücksitz, ist bei mir eine Handlung die bei mir schon zum Reflex geworden ist, dies behaupte ich nach acht Tagen sinnlosem Versuchen. Denn als Deutsche war ich regelmäßig die Einzige, die es vorhatte. Ein running gag.
Wir stiegen kurz aus und ließen Loras Mutter eine Ferienwohnung inspizieren. Dort im Garten hing ein Martiniza Bändchen an einem weiß blühenden Kirschbaum. Wir waren durch eine stetig hügelige Landschaft gefahren, manchmal minz- und lindgrüne mit weißblühenden Büschen und Sträuchern verziert, manchmal sahen Bäume wie verbrannt aus, da ich deren Knospen aus der Ferne nicht erkannte.

Freilichtmuseum eines Dorfes aus dem 19. Jahrhundert, gelegen an einer 2500 Jahre alten Römerstraße und Hausfundamenten, die bis zu 600 Jahren alt sind. Aus dem Leben der früheren Dorfbewohner erfuhr ich einige Anekdoten zur Mentalität dieser Gegend: Vom sparsamen Priester, dessen Tochter die Schuhe unterm Arm tragen sollten oder dem reichen Mann, der für ein Bildungszentrum spenden sollte und beim Gesuch von drei brennenden Kerzen zwei gelöscht hat, mit der Begründung: „ Gespräche werden im Dunkeln geführt, Geld wird bei Licht auf den Tisch gelegt“; er unterstützte das Projekt und zündete dazu wieder alle Kerzen an. Dennoch steckt auch im Ende Ironie: nach weiteren Spenden hatte er kein Geld mehr, um die amtliche Gültigmachung einer Spendenquittung zu bezahlen und bis heute fand sich dazu niemand. Für dieses bürokratische Detail blieb kein Geld mehr nach finanzieller Unterstützung des Projektinhalts.

Donnerstagabend fahren wir mit dem Nachtzug in Richtung Schwarzmeer, am Bahnhof spricht mich ein etwa gleichaltriges Mädchen an in einem fragenden Tonfall, worauf ich nur antworten kann “do you speak English?“. Nachdem sich dieses Mädchen zu Bojitara und Marina gesellt bekomme ich eine Ahnung davon, wie schwierig wörtliche Kommunikation möglicherweise sein wird, doch als ich mich vorstelle, begegnen mir die drei mit einem weit über das Gesicht verbreiteten Lächeln. Die Reise kann beginnen.

Ablauf des Ausflugs: Bis Freitag zum Mittagessen sind alle 24 Personen angekommen und wir spazieren gemeinsam am Strand entlang zu einem Platz neben einer grünen Wiese, wo wir uns gegenseitig vorstellen. Die Menschen erzählen ergreifend persönliche Anekdoten: ein Pärchen eines Möbelmachers und einer Sekretärin im Rollstuhl offenbart uns, dass sie sich auf diesem Ausflug zum ersten Mal sehen. Ein sehr hübsches Pärchen!
Ein Anderer war bis zum Hals gelähmt und erzählte mit feuchten Augen wie sehr er sich nach zwölf Jahren, während deren er mangels Aufzug seine Wohnung nie verlassen konnte, jetzt freue, das Meer wieder zu sehen.

Was eine Uniwoche später noch bleibt ist das befriedigende Gefühl, neue Menschen trotz relativer Verständnisschwierigkeiten kennengelernt zu haben, gesehen zu haben wie sich alle näher kommen, indem sie die gleichen schönen Erlebnisse machen (Lagerfeuer schauen, Massagen) und dabei Persönlichkeiten erblühen.